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Interview Tagblatt der Stadt Zürich, 24. Mai 2006
Die Frau, der Paare vertrauen
Evelyne Schärer ist Hochzeitsplanerin und sucht Heiratswilligen die schönsten Orte – nur noch Ja sagen müssen sie selber
Liegt Heiraten im Trend? Aber natürlich tut es das. Der 7. 7. 2007 ist seit Wochen
ausgebucht, und der Wonnemonat Mai ist von jeher Lieblingsmonat der Heiratswilligen.
Die Paare träumen jetzt alle von einem: der perfekten Hochzeit. Doch ist der
perfekte Tag überhaupt planbar? «Ja, das ist er bestimmt. Dem Zufall braucht man nichts
zu überlassen», sagt Evelyne Schärer. Die 37-Jährige arbeitet in Zürich als Hochzeitsplanerin.
Ihre Aufgabe ist es, den schönsten Tag im Leben zweier Liebenden von A bis Z zu organisieren.
Die Idee, sich als Hochzeitsplanerin selbstständig zu machen, entstand während
ihrer Ferien in Mexiko vor vier Jahren. «Bei unserem Streifzug durch die Stadt wurde ich
auf eine kleine Kapelle aufmerksam. Täglich gaben sich hier amerikanische Paare das
Ja-Wort, begleitet von ihrer Weddingplanerin, die alles organisierte», erzählt Schärer.
Davon begeistert, reservierte sie im Hotelzimmer sogleich die Homepage «your perfect
day» – eine Geschäftsidee war geboren. Am Valentinstag 2004 heiratete Schärer
ihren Traumprinzen. «Meine eigene Hochzeit verlief reibungslos, alles klappte hervorragend,
da wusste ich: Das kannst du auch für andere.»
Seither hat sie 20 Paare auf dem Weg ins Glück begleitet. Das erste Gespräch findet jeweils in deren Wohnung statt. «Der
Einrichtungsstil spielt eine bedeutende Rolle, so kann ich mir einen ersten Eindruck darüber
verschaffen, was dem Paar gefällt, und entsprechende Örtlichkeiten suchen.»
Meistens sind es die Bräute, die sich bei der Hochzeitsplanerin melden. «Die Frau
sieht eine Hochzeit träumerisch, der Mann findets bloss verschwenderisch, es ist eben
das Fest der Frau. Fast jede hat sich als Kind ausgemalt, wie die eigene Hochzeit einmal
aussehen muss. Da treffen Welten aufeinander. Männer machen sich erst Gedanken zu
diesem Thema, wenn sie die Frau gefragt haben.»
Für junge Paare muss eine Hochzeit heute vor allem eines sein: Eine Party
Mit der geplanten Traumhochzeit im Kopf, sucht Schärer nach geeigneten Orten, kümmert
sich um Pfarrer oder den Termin in der Kirche, berät Bräute bei der Wahl des Kleides
und ist sogar an der Hochzeit dabei, um die Gäste zu betreuen, wenn der Wunsch danach besteht.
Die schönsten Zunfthäuser, Lounges und die besten «Wie überbrücke ich tote Minuten»- Alternativen kennt Schärer inund
auswendig. Während ältere Paare sie hauptsächlich damit beauftragen, für ihre Feier Hotels mit prunkvollen Sälen ausfindig
zu machen, muss eine Hochzeit bei der jüngeren Generation vor allem eines sein: eine Party. «Viele von ihnen wünschen sich
ein Hochzeitsfest in angesagten Restaurants oder Schlössern, mit guten DJs und fernöstlichen Fingerfood-Platten. Essen
und Musik sind das Wichtigste», sagt Schärer, die ihre eigene Hochzeit in der Blumenhalle West feierte.
Wenn eine Hochzeit richtig organisiert ist, kann kaum etwas schief gehen, da ist sich die Fachfrau sicher. «Das Peinlichste sind tote
Minuten, wo die Leute herumstehen und nicht wissen, wie es weitergeht», sagt Schärer und empfiehlt eine Malstunde zum Zeitüberbrücken.
«Spiele à la Brautentführen finde ich kindisch, Malen hingegen kommt sehr gut an. Man nehme eine Staffelei und
eine Leinwand und bitte die Gäste loszuzeichnen. So entsteht ein schönes Andenken für die gemeinsame Wohnung.»
Amerikanischen Weddingplanerinnen, die sich in den USA im Fach Hochzeitskoordination ausbilden lassen können, möchte
Schärer nicht nacheifern. «Die witzigsten Ideen kommen aber tatsächlich aus den Staaten, da schaue ich mir gerne etwas ab»,
gesteht sie und denkt dabei an jene angesagten Wedding Bubbles, die derzeit auf keiner Hochzeit fehlen dürfen. Es handelt sich dabei
um Seifenblasen mit Glückssujets, welche die Hochzeitsgäste auf das Brautpaar pusten, wenn dieses aus der Kirche kommt.
Der Sinn dahinter: In vielen Schweizer Kirchen ist das Werfen von Blumen und Feuersteinen wegen des Parketts verboten.
Doch Hochzeiten finden heute immer weniger in der nahe gelegenen Dorfkirche statt, sondern abgeschieden in den Bergen, in Gartenpavillons
oder an Seeufern. «Mein letztes Brautpaar hat sich eine Bergkapelle gewünscht, weil es sich Gott dort näher fühlte»,
erzählt Schärer. Sie fand eine romantische Kapelle in Pontresina. Auch von einer klassischen Hochzeit im weissen Sissi-Kleid träumen
immer weniger. Stattdessen fällt die Wahl auf Kleider aus zerknitterter Seide mit wild aufgenähten Applikationen in zarten
Grüntönen oder Ecru.
Momentan stehen bei Schärer Hochzeiten in Graubünden und im Tessin an, im September folgt gar eine dreitägige Prominentenhochzeit.
Sie hofft, dass auch diese ohne Zwischenfälle verläuft. Bisher ist ihr in schönster Erinnerung nämlich eine Trauung
im kleineren Rahmen geblieben. «Alle Gäste sassen in der Kirche, als plötzlich der Vater der Braut hervortrat und das ‹Ave Maria› mit
einer Stimme sang, die bei mir die grösste Gänsehaut bewirkte.» Für den grossen Tag seiner Tochter hatte er monatelang Gesangsunterricht genommen.
INTERVIEW GINGER HEBEL
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